Ausstellung Kardinal-von-Galen-Haus 2006

Ausstellung, Autorentext

TRAUMBILDER

Dr. Heinrich Dickerhoff, Dozent für Theologie und Märchenkunde an der Katholischen Akademie Stapelfeld:

„Für mich sind es Bilder voller Lebensmut und Lebensfreude, nicht falsche Idylle, nicht Schönfärberei, aber voll Licht, das in der Dunkelheit explodiert, und vor den Bildern der sterndurchwirkten Neuen Stadt musste ich an Rose Ausländer denken:

Aus dem Himmel
eine Erde machen
aus der Erde
einen Himmel
wo jeder
aus seiner Lichtkraft
einen Stern ziehen kann

Und vor den Blumenteppichen, fiel mir sogleich ein Wort von Rabindranath Tagore ein:

Gott wird großer Reiche überdrüssig,
aber kleiner Blumen nie.“

Ausstellung Kardinal-von-Galen-Haus 2006 Stapelfeld

Dr. Martin Feltes, Kunsthistoriker, pädagogischer Direktor und Kunstdozent an der Katholischen Akademie Stapelfeld:

(Auszug)

„Petra Sommerhäusers Objekte, Gemälde und Collagen sind geheimnisvolle Sehnsuchtsbilder voller Optimismus. Sie veranlassen den Betrachter zum Träumen über den Klang der Zeit und über das, was außerhalb der Zeit liegt. Sie scheinen wie ein Aufruf zur Versöhnung mit unserem Wissen um die Endlichkeit unseres irdischen Daseins. Zu Recht werden die Werke von Petra Sommerhäuser oft als märchenhaft beschrieben. Denn der Zeichencharakter ihrer Bildmotive entspricht im Märchen der epischen Technik der bloßen Benennung.
Sowohl in den Bildern als auch im Märchen beobachten wir den Drang zur reinen leuchtenden Farbe, sowie die betonte Orts- und Zeitlosigkeit. Diese Stilmittel des Märchens und der Kunst sind nicht Selbstzweck, sondern dienen einem konkreten Ziel. Es gilt nicht das Sichtbare abzubilden, sondern Unsichtbares durch den Appell an die schöpferische Einbildungskraft des Betrachters oder Zuhörers ahnbar zu machen.
Sowohl im Märchen als auch in den Bildern von Petra Sommerhäuser wird nicht die sichtbare Welt geschildert, sondern in zauberhafter Poesie eine Anderswelt voller Wunder und Phantastik geschaut.“

Ausstellung Kardinal-von-Galen-Haus 2006 Stapelfeld

Dr. Martin Feltes, Kunsthistoriker, pädagogischer Direktor und Kunstdozent an der Katholischen Akademie Stapelfeld:

„Die neue Stadt“ – Gemälde und Objekte von Petra Sommerhäuser

Ausstellungseröffnung im Kardinal-von-Galen-Haus am 1. Dezember 2006

„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Petra Sommerhäuser!

Ein Fest der Farben – dies ist vielleicht unser erster gemeinsamer Gesamteindruck in Betrachtung der Gemälde, Collagen und Objekte der Künstlerin Petra Sommerhäuser.

Das Erleben von Farben löst in jedem Menschen Gefühle aus. Farben erzeugen Stimmungen, lösen Handlungen aus, Farben können heilen oder krank machen. Farben können erregen aber auch beruhigen. In der unendlichen Vielfalt der Farberscheinungen staunen wir über die innere Ordnung der Farben, wie sie sich in Farbkreisen und Farbtheorien spiegelt.

Und wir staunen über den Ursprung und die gemeinsame Quelle aller Farben – das reine Licht! Dies spüren wir gerade in dieser dunklen Jahreszeit, die im Advent durch Lichter als Symbole der Hoffnung und Erlösung erhellt wird. Lichter, die die Farben entstehen und leuchten lassen.

Und deshalb sind wir dankbar am Vorabend des ersten Advents diese Ausstellung im Kardinal-von-Galen-Haus präsentieren zu dürfen, zumal das am 1. Advent beginnende Leitthema unseres Bildungsprogramms in den Arbeiten von Petra Sommerhäuser anklingt: Zeit-Weise.

So wird das Thema Zeit in den farbig gefassten Mondobjekten deutlich, die in ihrer Vielzahl und Zusammenstellung die wechselnde Gestalt des Mondes interpretieren. Wir erkennen die schmale Sichel, den Halbmond sowie die kreisrunde Scheibe des Vollmondes. In diesem zyklischen Werden und Vergehen ist der Mond uralter Anhaltspunkt der Zeitmessung. Wir wissen um diese Bedeutung des Mondes bei der Aufrichtung der Menhire und Steinkreise in der Megalithkultur. Der ägyptische Mondgott Thot galt als „Herr der Zeit“ und „Rechner der Jahre“. Aber vor allem hat der Mensch in der Beobachtung des Mondes sein eigenes Leben und seine Hoffnung gespiegelt: die Mondphasen als Sinnbilder von Geburt, Wachstum, Tod und Auferstehung. Stirb und werde!

In der verschlüsselten Bildersprache der christlichen Kunst symbolisiert der Mond die Kirche, die ihr Licht von Christus, der Sonne empfängt. Dies ist ein Grund, warum Maria in mittelalterlichen Skulpturen als Personifikation der Kirche mit dem Attribut der Mondsichel dargestellt ist. Gleichzeitig klingt in diesem Marienbild das bei Johannes beschriebene Bild des apokalyptischen Weibes nach: „Und ich sah eine Frau, mit der Sonne umkleidet und unter ihren Füßen die Sichel des Mondes.“ In den Nachtbildern von Caspar David Friedrich leuchtet der Mond als das rettende Licht Christi in der Finsternis.

Vielschichtig ist also die Symbolkraft des Mondes dessen sinnbildhaften Bedeutungen in der farbigen Fassung der Mondobjekte von Petra Sommerhäuser ihren Ausdruck finden. Wir beobachten ein kosmisches Blau als Sinnbild der Unendlichkeit, ein glühendes Rot und ein sattes Grün als Farben des Lebens, ein strahlendes Gelb als Farbe des Lichtes.

Über diesen Mondobjekten, die Andreas Menti musikalisch interpretiert hat, ist die Werkgruppe der Himmelslandschaften angeordnet. Neben dem Mond tauchen in diesen Gemälden die Motive der Sonne, der Sterne, der Milchstraße auf. In ihrer Farbigkeit leuchten die Gestirne vor dem blauen Grund auf wie kostbare Edelsteine. Diese Himmelslandschaft erinnert an en ersten Schöpfungstag: „Und Gott sprach: es werde Licht! Und es war Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war!“

In Betrachtung des von Sternen pulsierenden Nachthimmels ahnen wir die Unendlichkeit des Kosmos. Wir spüren den Wirbel kosmischer Energie in diesen Himmel- und Wimmelbildern Wir spüren die sphärische Bewegung sowie die Verwandlung der Gestirne im fassungslosen Raum. Durch Überblendung und Kontrastierung entsteht eine Vor- und Zurück, ein Herauf und Herunter. Der Eindruck einer vibrierenden und leuchtenden Lebendigkeit wird durch die originelle Technik der Künstlerin erzielt. Denn die Farbpigmente sind direkt auf das nasse Aquarellpapier aufgetragen, das zugleich als Bildträger der aus unterschiedlichen Papierqualitäten ausgeschnittenen Gestirnsmotive dient: Sonne, Mond und Sterne. Direkt aus der Tube aufgetragene Farbschlieren unterstreichen in ihrem Reliefcharakter die eindringliche Tiefendimension dieser Himmelsbilder.

Der bestirnte Himmel, wie ihn Petra Sommerhäuser interpretiert, war ein häufiges Thema in der Malerei der Romantik. Für Philipp Otto Runge gehörte der Anblick der Himmelspracht zu jenen Naturerfahrungen, die dem Künstler das Unendliche und den Geist Gottes erahnen ließen:

„Wenn der Himmel über mir von unzähligen Sternen wimmelt, der Wind saust durch den weiten Raum, die Woge bricht sich brausend in der weiten Nacht, … ist kein unten kein oben mehr, keine Zeit, kein Anfang und kein Ende, ich höre und fühle den lebendigen Odem Gottes, der die Welt hält und trägt, in dem alles lebt und wirkt.“

Der für die Himmelslandschaften Petra Sommerhäusers beschriebene Arbeitsprozess der Collagetechnik gilt auch für den Zyklus der „Neuen Stadt“: Erst nach Fertigstellung dieser Arbeiten wurde die Künstlerin auf die biblische Grundlage des Motivs aufmerksam gemacht – die visionäre Beschreibung des Himmlischen Jerusalem in der Johannes-Apokalypse:

„Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen.“

Das Bild vom Himmlischen Jerusalem ist bekanntes Sinnbild für das, was außerhalb der Zeit liegt, ein Sinnbild für die Sehnsucht nach dem ewigen Leben. Die leuchtende Farbigkeit lässt die Beschreibung der Mauern des Himmlischen Jerusalem erinnern: Eine Stadt mit Mauern aus reinem Golde, bedeckt mit Edelsteinen.

In den Aquarellen erkennen wir Zeichen für Architektur, Zeichen für Mauern und Zinnen, Zeichen für Dach und Kuppel. In diesem Zeichencharakter appellieren die Motive eindringlich an die Phantasie des Betrachters, sich die neue Stadt selbst auszumalen. Nicht eine sichtbare Stadt wird geschildert sondern eine unsichtbare Stadt geschaut. Wie eine Vision und gleichsam schwebend taucht die neue Stadt auf, die mit den Gestirnen verwoben ist und mit ihnen eine farbliche Einheit bildet.

Trotz der betonten Flächigkeit der Motive und des bewussten Verzichtes auf perspektivische Übungen beeindrucken diese Stadtvisionen durch ihre tiefe gleichsam schwingende Räumlichkeit in dem Gefühl des Unendlichen.

Das häufige Motiv der Leiter kann als Symbol für den Weg des Menschen zu Gott und zur Ewigkeit gedeutet werden. Gleiches gilt für die zeichenhafte Andeutung der Schiffe als Sinnbild der Überfahrt in eine andere Welt.

Eine letzte Werkgruppe bildet die Serie der Blumenbilder. in dem großen Format, in der Nahansichtigkeit und in der Intensität der Farben faszinieren diese Bilder in ihrer Präsenz.

Erst bei der näheren Betrachtung kann der Herstellungsprozess rekonstruiert werden.

Alte Gemälde der Künstlerin oder in Farbe getauchtes Aquarellpapier wird in Blütenform gerissen und dann auf die grundierte Leinwand geklebt. Der Vorgang des Zerreißens und des Wiederzusammenfügens bewirkt nicht nur den ästhetischen Reiz dieser Blumenbilder sondern ist zugleich Bedeutungsträger: Stirb und werde! Vergänglichkeit ist ebenso thematisiert wie die Blüte des Lebens, womit an die bekannte Bildersprache des Blumenstilllebens im Barockzeitalters angeknüpft wird. Der ewige Kreislauf von Werden, Blüte und Vergehen ist in diesen Blumenbildern verdichtet, um dem Betrachter aber zugleich die Schönheit der Schöpfung vor Augen zu führen. Wie betrachten Bilder der Harmonie, die im Klang und Rhythmus der Farben an musikalische Kompositionen erinnern. „Farben können wir ordnen, wie Akkorde, wie hell, sehr hell, leicht bewegt, Wärmeres, Kälteres“, formuliert Paul Klee, für dessen Malerei die Musik eine wichtige Inspirationsquelle gewesen ist. Dies können wir auch für Petra Sommerhäuser vermuten. Sie hat am Hamburger Konservatorium Musik mit dem Hauptfach Rhythmik studiert. Und das in ihren Bildern deutlich zu beobachtende Anliegen der Verdichtung ist eine interessante Parallele zum dichterischen Wirken der Künstlerin.

Petra Sommerhäusers Objekte, Gemälde und Collage sind geheimnisvoller Sehnsuchtsbilder voller Optimismus. Sie veranlassen den Betrachter zum Träumen über den Klang der Zeit und über das, was außerhalb der Zeit liegt. Sie scheinen wie ein Aufruf zur Versöhnung mit unserem Wissen um die Endlichkeit unseres irdischen Daseins. Zu Recht werden die Werke von Petra Sommerhäuser oft als märchenhaft beschrieben. Denn der Zeichencharakter ihrer Bildmotive entspricht im Märchen der epischen Technik der bloßen Benennung. Sowohl in den Bildern als auch im Märchen beobachten wir den Drang zur reinen leuchtenden Farbe sowie die betonte Orts- und Zeitlosigkeit. Diese Stilmittel des Märchens und der Kunst sind nicht Selbstzweck, sonder dienen einem konkreten Ziel. Es gilt nicht das Sichtbare abzubilden, sondern Unsichtbares durch dem Appell an die schöpferische Einbildungskraft des Betrachters oder Zuhörers ahnbar zu machen. Sowohl im Märchen als auch in den Bildern von Petra Sommerhäuser wird nicht die sichtbare Welt geschildert sondern in zauberhafter Poesie eine Anderswelt voller Wunder und Phantastik geschaut.

Aber über diese Parallelen hinaus spüren wir in den Werken der Stapelfelder Ausstellung vor allem die grundlegende Botschaft unserer Märchen. Und hier zitiere ich gerne meinen Freund und Kollegen Heinrich Dickerhoff: Trau deiner Sehnsucht mehr als deiner Verzweiflung!“